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STATIK - vom Baumeister
zum Tragwerksplaner

Mit dem Vorhaben ein Haus zu errichten, wird zunächst ein Projektant, häufig ein Architekt, mit der Planung beauftragt. Nach den ersten Entwürfen, die bereits grundlegende Gedanken zur Tragkonstruktion berücksichtigen sollten, erscheint es zielführend, einen Bauingenieur – auch Tragwerksplaner genannt – in die Projektierungsphase miteinzubinden. Diese Vorgehensweise hat sich in der Praxis bewährt, da so verschiedene Kompetenzen vernetzt und unangenehme Schnittstellen frühzeitig vermieden werden.

Doch der Reihe nach: was ist ein Bauingenieur, was ein Tragwerksplaner? Die Bezeichnung Ingenieur entstand vor gut 200 Jahren, als einhergehend mit Französischer und industrieller Revolution gleich mehrere „Gewalten“ aufgeteilt wurden. Zuvor gab es einzig einen Baumeister, der sich um den Nutzen (utilitas), die Robustheit (firmitas) und die Schönheit (venustas) zu kümmern hatte. Es wurde nach den „Regeln der Kunst“ gebaut, aufbauend auf Erfahrungswerte, die im Laufe der Zeit angesammelt und über Generationen weitervermittelt wurden. Die Regeln der Kunst waren rational nicht erklärbar, jedoch hatten sie ihre Berechtigung. Heute bewundern wir Bauwerke aus der Antike von beachtlichen Dimensionen wie z.B. das Pantheon in Rom, mit einer lichten Kuppelweite von 43,30 m, die erst Anfang des 20. Jahrhunderts überboten wurde.

Dem Kunstdenkmal liegen natürlich keine statischen Be-rechnungen zugrunde, es wurde vielmehr nach dem Versuch-Irrtum-Prinzip gebaut, was bedeutet, dass die Grenzen der Belastbarkeit unmittelbar an Ort und Stelle ausgelotet wurden. Bei einigen dokumentierten Fällen musste diese Vorgehensweise zwangsläufig ins Auge gehen, Einstürze noch während der Errichtung waren die Folge. Hierbei kam der Baumeister nicht ungeschoren davon, im Codex Hammurabi etwa 1800 v. Chr. steht: „Wenn ein Baumeister ein Haus baut für einen Mann und macht seine Konstruktion nicht stark, so dass es einstürzt und verursacht den Tod des Bauherrn, dieser Baumeister soll getötet werden“. Und weiter „wird beim Einsturz Eigentum zerstört, so stelle der Baumeister wieder her, was immer zerstört wurde“.

Die Gewaltenteilung (= Arbeitsteilung) im Baumeisterberuf entstand aus der Erkenntnis, dass der Mensch nicht sämtliche Anforderungen an Nutzen, Robustheit und Schönheit zu erfüllen vermochte; bei kleineren Bauvorhaben aber kann die Personalunion durchaus noch seine Berechtigung haben. Heute stehen wir im Wesentlichen vor drei Berufsbildern, dem Architekten, zuständig für Entwurf und Ausführungsplanung, dem Bauingenieur, der sich für die Tragsicherheit und Standfestigkeit kümmert sowie dem Bauunternehmer, der ausschließlich die Ausführung besorgt. Mit der Bauleitung schließlich müssen sich irgendwie alle drei zusammenraufen, wobei es wiederum eine architektonische Bauleitung, eine statisch-konstruktive Bauleitung und die Baustellenleitung gibt.

Der Beruf des Bauingenieurs ist heute weitläufig ausgerichtet, die Tragwerksplanung ist nur ein - wenn auch wesentlicher - Teilbereich seiner Tätigkeit. Der Tragwerksplaner heute muss nicht nur statisch berechnen und bemessen sondern vielmehr konstruktiv entwerfen, was einen großen Einfluss auf Ästhetik und Funktion in der Architektur hat.

Der Wahl des baustatischen Modells (= geometrisch/ mechanische Abbildung) kommt weitaus mehr Bedeutung zu als dem eigentlichen Rechenvorgang, der mit Hilfe der elektronischen Datenverarbeitung (processing) zeitlich gesehen auf ein Minimum reduziert werden kann. Und bei der an- schließenden Umsetzung in Konstruktions- und Montagepläne muss wiederum das gewählte statische Modell hinterfragt werden, was einen Kreislauf erzeugt, der manchmal gleich mehrmals zu durchlaufen ist (iteration). Der Nachdenkprozess wird bei Vorliegen von Berechnung und Plänen leider manchmal unterschätzt.

Die Aufgabe der Statik heute besteht nicht nur darin, Sicherheit und Robustheit (firmitas) zu gewährleisten und folglich Konstruktionen vor dem Einsturz zu bewahren, sondern auch in der Sicherstellung der sog. Gebrauchstauglichkeit. Wir alle kennen durchgebogene Träger und Decken in historischen Gebäuden, schräge Stützen, Risse in Mauern und dgl. Auch wenn dabei die Sicherheit des Tragwerks nicht gefährdet erscheint, so möchte doch jeder Bauherr zu Recht ein ästhetisch einwandfreies Objekt. Genauso wie die Tragfähigkeit eines Bauteils nachzuweisen ist, muss die Formänderung, häufig Durchbiegung, oder das Schwingungsverhalten ermittelt werden. Die Bauteilbemessung nach diesen Kriterien ist in den meisten Fällen noch vor der Tragsicherheit maßgebend. In rechtlicher Hinsicht hat Italien zwei wesentliche Gesetze für die Planung, Bauleitung und Abnahme von tragenden Strukturen erlassen: Die Gesetze Nr. 1086 vom 05.11.1971 und Nr. 64 vom 02.02.1974. Darauf aufbauend gibt es eine Fülle von Dekreten und Rundschreiben, die es auch zu beachten gilt. Geregelt wurde auch, dass nicht jeder Tragwerksplaner sein kann, sondern es dürfen ausschließlich Ingenieure mit Hochschulausbildung, erfolgreich bestandener Staatsprüfung und Eintragung in der gleichnamigen Berufskammer tragende Strukturen planen, leiten und abnehmen. Diese Einschränkung ist als Schutz des Bauherrn zu sehen, der durch die fundierte und qualitative Ausbildung gewährleistet wird. Während der Bauphase entscheidet sich, ob die Umsetzung nach den Ausführungsplänen gelingt. Die Konstruktions- und Montagepläne stellen hierbei eine Ergänzung der Ausführungspläne des Architekten dar. Die Pläne des Bauingenieurs werden in der Rohbauphase häufiger als jene des Architekten benötigt, während beim Ausbau nur mehr die architektonischen Ausführungs- und Detailpläne gefragt sind. Aus diesem Grund muss, wie schon eingangs erwähnt, der Tragwerksplaner so früh wie möglich mit seiner Arbeit beginnen, denn nach dem statischen Projekt wird zuerst gebaut. Tragwerksplanung ist keine reine Dienstleistung. Tragwerksplanung erfordert viel mehr Kreativität, Teamfähigkeit und interdisziplinäres Denkvermögen, um aus architektonischen Entwürfen statische Systeme zu entwickeln, jene zu hinterfragen und in baustellentaugliche Pläne zu fassen, damit unsere Häuser den heutigen Anforderungen an die Sicherheit und Dauerhaftigkeit gerecht werden.

DDr. Ing. Arch. Thomas Schrentewein,
Bürogemeinschaft
Schrentewein & Partner,
www.schrentewein.com

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